Rezension: Hoerder, Geschichte der deutschen Migration

Dirk Hoerder, Geschichte der deutschen Migration. Vom Mittelalter bis heute. München: C.H. Beck, 2010. ISBN: 978-3-406-58794-8
Auf knapp 130 Seiten bietet der bekannte Migrationshistoriker Dirk Hoerder eine „integrierte Analyse der Migrationen aus und in die deutschsprachige Großregion vom 9. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ (7). Die historische Migrationsforschung beginnt, wie auch die nationale Geschichtsschreibung, mit der Bürde, im Geist des Nationalismus entstanden zu sein. Neue Begriffe, so der Autor, sind deshalb erforderlich. Die neue Terminologie entstammt dem von Hoerder und seinen Kolleginnen entwickelten Systemansatz in der Migrationsforschung. So umfaßt der Begriff ‚Migration‘ die zeitliche und geographische Vielfältigkeit von permanenten, temporären, saisonalen lokalen, regionalen, kontinentalen und ozeanischen Wanderungen besser als dies die herkömmlichen Begriffe wie Ein- und Auswanderung zulassen. Beispielsweise kehrten vor 1914 15-20 Prozent aller deutschsprachigen Migranten aus den USA zurück in ihre alte „Heimat“ (77). Der „systemische Ansatz“ der neueren Migrationsforschung erforscht holistisch das Gesamtphänomen der Migration, ausgehend von der Primärsozialisation im Ursprungsland über vielfältige Wanderungserfahrungen, -entscheidugen und –netzen hin zu einer Sekundärsozialisation sowie vielfältigen Erfahrungen von Selbstsegregation, Ausgrenzung, Akkulturation und transkulturellem Leben.
Hoerders Wanderungsgeschichte, die durchgängig die Unbeweglichkeit und Unbewegtheit der nationalen Geschichtsschreibung hinterfragt, beginnt im Mittelalter (Kapitel 2), einem Zeitraum, der „oft als Periode der Sesshaftigkeit verstanden,“ jedoch eine „Zeit vielfältiger Mobilität im deutschsprachigen Zentraleuropa mit seinen bi- oder mehrkulturellen Regionen“ (20) war. Frauen aus allen Schichten, ob dem Adel oder der Landbevölkerung, wechselten mit ihrem Stand in die Ehe häufig auch ihren Wohnort. Zuvor hatten Mädchen vom Land bereits als Mägde geographische und sozialen Grenzen überschritten. Auch im „kirchlichen Migrationsraum“ (23) waren Menschen aus allen Ständen unterwegs, einschließlich Bischöfen und Pilgern. Hinzu kamen Künstler, Handwerker, Kaufleute und Gelehrte. Die Wanderungen bewirkten einen regen kulturellen Austausch. Zu den daraus entstehenden „kulturellen Synthesen“ (23) trugen auch die freiwilligen und erzwungen Wanderungen von Juden und Muslimen sowie christlichen Kreuzfahrern bei. Die mittelalterliche Zuwanderung in die Baltenstaaten und spätere ländliche und städtische Ansiedlungen und Handwerkermigration im Raum zwischen Ostseeküste und Donau (Kapitel 3) waren vorwiegend wirtschaftlichen Interessen geschuldet, nur vereinzelt auch einem „Drang nach Osten“ oder einer zivilisatorischen Mission (32).
Neben diesen Wanderungen in das östliche und südöstliche Europa und den besser bekannten transatlantischen Massenwanderungen (Kapitel 5) stellt der Autor auch die weniger bekannten vielfältigen Wanderungen im west- und mitteleuropäischen Raum zwischen der iberischen Halbinsel und Skandinavien dar (Kapteil 4). Dazu gehörten hunderttausende Söldner, die Hoerder als „die erste große Gruppe von Wanderarbeitern“ (49) beschreibt. Der Begriff des ‚Deutschen‘ bzw. ‚deutschen‘ wurde in diesen Jahrhunderten eher selten benutzt. Gruppenzugehörigkeiten wurden über Sprache und Dialekte, Schicht und Beruf ausgehandelt. Pilgerbruderschaften umfassten beispielsweise flämische, schweizerische und nordwestdeutsche Dialekte (47).
Industrialisierung, Nationalismus, Imperialismus und der erste Weltkrieg waren nicht nur für deutsche Migranten weltweit einschneidend: „Nach Jahrhunderten der Aus- und Einwanderungen, zirkulärer Bewegungen und interner Land-Stadt-Wanderungen änderten sich von den 1880er Jahren bis 1914/18 Umfang und Richtungen, Diskurse und Politiken“ (70). Hoerder widmet diesem Einschnitt ein eigenes Kapitel. Dies erlaubt ihm, nach der gründlichen Beschreibung des Wanderungsgeschehens tiefgreifender auf Aspekte der Akkulturation einzugehen. An vielen Orten der Welt werden nun unter dem Einfluss rassisch-nationalistischer Ideologie ehemals nützliche Siedler, Handwerker und Experten als „Fremde“ ausgegrenzt, seien es „Deutsche“ im Zarenreich oder „Polen“ im Deutschen Reich. In dieser Zeit änderte sich auch das Wanderungsgeschehen in Deutschland: es wurde während der Hochindustrialiserung zum Transitland und dann zum Einwanderungsland.
Das Wanderungsgeschehen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war von Flucht, Zwangsarbeit, Vertreibung, Zwangsumsiedlung, Deportation und Grenzverschiebungen geprägt. Es waren die Folgeerscheinungen einer rassistisch-nationalistischen Politik der ethnischen Homogenisierung. „Diese Politik machte Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit zur destruktivsten Flüchtlinge generierenden Region“ (93). Nachdem die deutsche Auswanderung ab Mitte der 1950er Jahre ein (vorläufiges?) Ende gefunden hatte, wurde die BRD zum Aufnahmeland von Arbeitsmigranten („Gasterarbeitern“) aus Süd- und Südosteuropa während die DDR, in wesentlich geringerem Umfang, Arbeitskräfte aus Mosambik, Vietnam, Kuba und Polen anwarb. Besonders ab Ende der 1980er Jahre kamen zudem Millionen von Asylsuchenden und Spätaussiedlern.
Hoerders Geschichte der deutschen Migration ist eine gesamteuropäische Sicht auf das vielfältige Wanderungsgeschehen zwischen dem 9. und frühen 21. Jahrhundert, das erst von nationalgesinnten Historikern und Politikern seit dem 19. Jahrhundert umgedeutscht wurde. Hoerders Verdienst ist es nicht nur, eine kompakte Geschichte geschrieben, sondern den sich seit den 1970er Jahren entwickelnden Gegendiskurs zur deutschtümelnden Wanderungsgeschichte früherer Zeiten in einer überzeugenden Gesamtdarstellung präsentiert zu haben. Diese grundlegende Historiographiekritik wird besonders Neueinsteigern in das Gebiet der Migrationsgeschichte als Orientierung im Umgang mit den häufig älteren Einzelfallsstudien dienen. Bleibt zu hoffen, dass das Buch bald in englischer Űbersetzung erscheint.
Alexander Freund, University of Winnipeg

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Review of new book on migration history

Christiane Harzig and Dirk Hoerder with Donna Gabaccia, What is Migration History? Malden, MA: Polity, 2009. ISBN 978-0-7456-4336-6.
The global history of migration can be summed up as the free migration of Europeans, the slave migration of Africans, and the coolie migration of Chinese to “America.” This, at least, is the image of global migration history that scholars had created by the 1960s. As this book demonstrates, it is a myth. Scholarship since the 1970s, with roots stretching back half a century, has developed a much more complex story. This book tells both the story and the way it has been brought about.
In this slim volume, the late German migration historian Christiane Harzig and her colleagues Dirk Hoerder and Donna Gabaccia introduce readers to the concept of migration history and provide a concise survey of global migration history (ch. 2). Yet, this book is more than an introduction to migration history. It is a guide to an approach – I am almost tempted to say, to a school of thought – that has informed several generations of migration historians around the world.
The first premise of this influential approach to the study of migrating men and women is the notion that we must understand the history of people’s lives in their countries of origin before we begin to study their lives as in-migrants. This is what Frank Thistlethwaite in 1960 described as the need to break through the “saltwater curtain” that separated European emigration and American immigration historiographies.
The approach’s second premise is that not all migrants intend to be or end up being immigrants, that is, permanent settlers in their country of destination. Rather, migrants in the past as well as in the present often took circuitous routes that lead them to temporary stays as well as onward, return, or circular migrations. Sometimes, migration routes were shaped by the seasons, at other times by career decisions, and then again by family considerations and kin networks.
The third premise of migration history is that while myriad social, cultural, mental, demographic, and political factors get people on the move, it is fundamentally economic factors that we must study to understand migration. Rather than going through a list of push and pull factors that are rooted in an understanding of migrants as free economic agents that make decisions on the basis of cost-benefit analyses (chapter 3 provides an in-depth critique of this neo-classical theory), migration historians begin from a systems approach (explicated in chapter 4). This approach is best able to account for the multiple interconnections between the “culture of origin and departure, the actual move, and the process of insertion/acculturation into the receiving society” (xxi). The systems approach does not, however, study migrants as particles of a “flow” or “wave.” Migrants are agents; they make decisions, albeit within the constraints of their life worlds. The systems approach, developed in the 1980s, is here expanded to include more recent studies of the intersectionality of gender, class, and race as well as new studies of transnational networks and transcultural life.
The three historians are detached observers, but they also write as politically engaged scholars. Underlying the theoretical approach and the multiple case studies are important messages to policy makers and societies more generally. Migration is part of human culture and, as such, has been going on since homo sapiens spread across the continents. Ethnically homogenous nation states are an invention of the 19th century, created at intolerable costs to humanity (just think of the Nazis’ attempt to create an “Aryan Third Reich”) that continue to haunt us in Europe (e.g. the former Yugoslavia) as much as in Africa (e.g. Rwanda) and other places. Hence, it is this racial nationalism rather than the cultural, economic, social, and demographic intermingling of many different peoples that is to be feared.
The book is an important reminder of the obligations of societies that import labour migrants: “Recruiters of body parts [i.e. of migrant workers] never expect ‘foreigners’ to protest inhuman treatment” (4). In Canada, Filipino “guest worker” protests in Vancouver against their exploitation by immigration legislation that privileges industry over human rights and by employers that privilege profit over decency remind us that we are far from ensuring basic rights, equality, and social justice for people on the move.
The authors take the argument beyond its traditional Atlantic boundaries, extending both case studies and theories to the South Atlantic and Pacific migrations to write a truly global history and historiography. Thus, readers learn about sophisticated analyses of migration and transculturation developed by students (often migrants themselves) from Algeria, India, Cuba, Brazil, and other places, and going as far back as the very early 20th century.
An extensive index and a detailed table of contents help readers navigate the book. This is an excellent textbook for undergraduate surveys of global migration history; it will also serve seminar discussion in upper level undergraduate and graduate courses; and it will be a handy reference tool for even for the most seasoned migration historian.
Alexander Freund, University of Winnipeg